Alles unter einen Hut bringen klingt schön. Bis man selbst darunter zusammenbricht.

Seit ich wieder arbeite, versuche ich etwas, das wahrscheinlich sehr viele Menschen jeden Tag versuchen: alles unter einen Hut zu bringen. Den Job, den Haushalt, die Beziehung, die Erziehung, den Blog, meine Ratgeber, den Verlag und all das, was das Leben sonst noch ungefragt in den Alltag stellt. Auf dem Papier klingt das nach Organisation. In der Realität fühlt es sich manchmal eher an wie ein Zirkus, bei dem ständig jemand einen weiteren Ball in die Luft wirft und erwartet, dass keiner davon herunterfällt.

Ich arbeite in verschiedenen Schichten. Je nachdem beginnt mein Tag so früh, dass andere noch nicht einmal daran denken, den Wecker zu stellen. An manchen Tagen muss ich bereits um vier Uhr morgens aufstehen. Das bedeutet automatisch, dass ich abends sehr früh ins Bett muss. Nicht weil ich besonders diszipliniert bin, sondern weil mein Körper irgendwann schlicht entscheidet, dass jetzt Schluss ist. Da bleibt nicht mehr viel Raum für lange Gespräche, spontane Ideen oder einen gemütlichen Abend zu zweit. Es bleibt oft gerade genug Energie, um den nächsten Tag vorzubereiten und ins Bett zu fallen.

Der Haushalt interessiert sich allerdings nicht dafür, ob jemand müde ist. Die Wäsche wäscht sich nicht aus Solidarität selbst, das Badezimmer entwickelt kein Mitgefühl und auch der Abfall trägt sich nicht aus Rücksicht nach draussen. Ohne die Hilfe meiner Kinder und meines Mannes würde unser Haus wahrscheinlich innerhalb weniger Wochen verwahrlosen. Nicht weil wir schmutzig oder unfähig wären, sondern weil ein Haushalt nicht nebenbei läuft. Er läuft nur, weil irgendjemand die Arbeit macht.

Also musste zuerst eine sogenannte Ämtliliste her. Eine Liste mit allen Aufgaben und einer klaren Aufteilung, wer wofür verantwortlich ist. Wer räumt auf, wer kümmert sich um die Küche, wer macht das Badezimmer, wer bringt den Abfall hinaus und wer übernimmt all die kleinen Dinge, die einzeln harmlos wirken, zusammen aber erstaunlich viel Zeit verschlingen. Zusätzlich gibt es eine zweite Liste. Darauf steht nicht nur, was gemacht werden muss, sondern auch wann.

Diese Listen helfen uns sehr. Allerdings nur, wenn sich auch alle daran halten. Eine Liste besitzt leider keine Beine, keine Hände und schon gar keine magischen Fähigkeiten. Sie erledigt die Arbeit nicht. Sie verhindert lediglich, dass jeden Tag neu darüber diskutiert werden muss, wer jetzt eigentlich zuständig wäre.

Für meine Kinder, die gerade Sommerferien haben, ist diese Liste ungefähr so sympathisch wie eine unangekündigte Mathematikprüfung. Sie betrachten sie nicht als hilfreiche Familienorganisation, sondern eher als persönlichen Angriff auf ihre Freizeit. Dabei haben mein Mann und ich ebenfalls unsere Aufgaben. Die Liste ist keine Beschäftigungstherapie für Kinder, während die Erwachsenen entspannt danebenstehen. Jeder trägt seinen Teil.

In den Sommerferien nehmen wir es trotzdem etwas lockerer. Ferien sollen auch Ferien bleiben. Nicht jede Aufgabe muss immer zur exakt gleichen Uhrzeit erledigt werden und nicht jeder Tag muss aussehen wie ein perfekt organisierter Stundenplan. Aber locker bedeutet nicht, dass plötzlich niemand mehr etwas machen muss. Das Leben macht schliesslich ebenfalls keine Sommerpause. Es geht eher darum, die Balance zu finden zwischen Verantwortung und der Tatsache, dass Kinder auch einmal ausschlafen, herumliegen und ihre Ferien geniessen dürfen.

Diese neue Situation hat aber nicht nur unseren Haushalt verändert. Auch unsere Beziehung hat am Anfang darunter gelitten. Und wenn ich Anfang sage, dann spreche ich tatsächlich von den ersten zwei Wochen.

Im Vergleich zu vorher haben mein Mann und ich plötzlich viel weniger miteinander geredet. Nicht weil etwas zwischen uns stand und auch nicht, weil wir uns nichts mehr zu sagen hatten. Ich war einfach zu kaputt. Nach der Arbeit war mein Kopf leer und mein Körper müde. An Tagen, an denen ich um vier Uhr morgens aufstehen musste, ging ich entsprechend früh schlafen. Gemeinsame Abende, lange Gespräche oder einfach nur entspanntes Zusammensitzen waren kaum noch möglich.

Mein Mann, so solidarisch wie er nun einmal ist, kam oft mit mir ins Bett. Nicht unbedingt, weil er bereits müde war, sondern weil das in dieser Phase manchmal die einzige Möglichkeit war, überhaupt etwas Zeit miteinander zu verbringen. Dort konnten wir uns wenigstens ein wenig austauschen. Keine stundenlangen tiefgründigen Gespräche, sondern kleine Momente. Wie war dein Tag, was beschäftigt dich, was steht morgen an, was müssen wir organisieren. Es klingt unspektakulär, aber genau diese kurzen Gespräche haben verhindert, dass wir uns im Alltag völlig verlieren.

Inzwischen sind etwas mehr als zwei Wochen vergangen und es läuft wieder besser. Mein Körper gewöhnt sich langsam an die Belastung, unser Alltag bekommt mehr Struktur und auch unsere Beziehung hat wieder ihren Platz gefunden. Wir sprechen wieder mehr miteinander und auch unsere Intimität hat sich wieder eingependelt.

Das ist für mich ein wichtiger Punkt, über den viel zu selten ehrlich gesprochen wird. Wenn sich der Alltag verändert, verändert sich häufig auch die Beziehung. Nähe lässt sich nicht immer auf Knopfdruck herstellen, besonders dann nicht, wenn einer von beiden körperlich und mental völlig erschöpft ist. Das bedeutet nicht automatisch, dass die Liebe verschwunden ist oder dass mit der Beziehung etwas nicht stimmt. Manchmal bedeutet es schlicht, dass der Alltag gerade lauter ist als alles andere.

Trotzdem löst sich dieses Problem nicht von selbst. Es funktioniert nur, wenn beide bereit sind, mitzumachen.

Es funktioniert, wenn der eine versteht, dass Erschöpfung keine Ablehnung ist. Es funktioniert, wenn der andere trotz Müdigkeit versucht, nicht völlig aus der Beziehung zu verschwinden. Es funktioniert, wenn man sich gegenseitig unterstützt, Aufgaben übernimmt und nicht jeden fehlenden Moment sofort persönlich nimmt. Und es funktioniert, wenn beide bereit sind, neue Wege zu finden, statt stur an einem Alltag festzuhalten, der gerade nicht mehr möglich ist.

Mein Mann hätte beleidigt reagieren können, weil ich abends kaum noch ansprechbar war. Er hätte verlangen können, dass alles so weiterläuft wie vorher. Stattdessen hat er sich angepasst. Er kam mit mir schlafen, damit wir wenigstens dort noch miteinander reden konnten. Gleichzeitig musste auch ich verstehen, dass meine Müdigkeit nicht bedeuten darf, dass für unsere Beziehung gar nichts mehr übrig bleibt.

Genau darin liegt wahrscheinlich die grösste Herausforderung, wenn man versucht, alles unter einen Hut zu bringen. Man kann nicht einfach alle Lebensbereiche unverändert weiterführen und zusätzlich noch einen neuen Vollzeitalltag hineinquetschen. Irgendetwas muss neu organisiert werden. Erwartungen müssen angepasst, Aufgaben verteilt und Gewohnheiten verändert werden.

Der Haushalt braucht Struktur. Die Kinder brauchen klare Aufgaben. Die Beziehung braucht bewusste Zeit. Die Arbeit verlangt Energie. Der Verlag, der Blog und meine Bücher brauchen ebenfalls Aufmerksamkeit. Und ich selbst brauche eigentlich auch noch irgendwo einen Platz in diesem Konstrukt.

Natürlich gelingt das nicht jeden Tag gleich gut. Manchmal bleibt die Wäsche liegen. Manchmal wird eine Aufgabe später erledigt. Manchmal habe ich keine Kraft für den Blog und manchmal wird aus einem geplanten Verlagsabend einfach nur ein sehr früher Schlaf. Das ist nicht schönzureden, aber es ist die Realität.

Alles unter einen Hut zu bringen bedeutet nicht, alles jederzeit perfekt zu erledigen. Es bedeutet, gemeinsam dafür zu sorgen, dass nicht immer dieselbe Person alles trägt. Es bedeutet, Lösungen zu finden, die im echten Leben funktionieren und nicht nur auf hübschen Familienplänen gut aussehen. Und es bedeutet auch, zu akzeptieren, dass manche Phasen zuerst chaotisch sind, bevor sich ein neuer Rhythmus entwickelt.

Unsere Ämtliliste ist nicht romantisch. Sie ist auch kein revolutionäres Familienkonzept. Aber sie hilft. Die Gespräche im Bett sind ebenfalls keine spektakulären Beziehungsrituale. Aber sie halten uns verbunden. Und genau darum geht es am Ende.

Nicht darum, alles perfekt im Griff zu haben. Sondern darum, dass alle bereit sind, ihren Teil zu tragen.

Denn ein voller Alltag zerstört nicht automatisch eine Familie oder eine Beziehung. Gefährlich wird es erst dann, wenn einer alles auffängt und die anderen sich daran gewöhnen.

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