Seit wann wird Unselbstständigkeit gefördert wie eine olympische Disziplin?

Es ist kurz vor neun Uhr morgens vor dem Kindergarten.
Eine Szene wie aus einem absurden Theaterstück.

Kinder, die letzten Sommer eingeschult wurden, werden fünf Monate später nicht nur begleitet. Sie werden chauffiert. An der Hand gezogen. Über die Strasse geführt. Einige Exemplare werden sogar getragen. Dann stehen sie da, umringt von Müttern, Vätern, Geschwistern und Grosseltern, die gleichzeitig Jacken ausziehen, Mützen abnehmen und Finken anziehen, als wäre der Kindergarten eine Umkleidekabine vor einer Expedition und nicht ein Ort, den ein Kind alleine betreten könnte. Manche werden bis ins Zimmer geschoben, als müssten sie vor einer Naturkatastrophe geschützt werden. Und draussen warten geduldig die Hunde. Als wären sie die einzigen in dieser Szenerie, die verstehen, dass man ein Kind auch mal loslassen kann.

Die Lehrerin versucht verzweifelt, dieses Ritual zu unterbinden. Aber wie soll sie gegen eine Armada aus Helikoptereltern ankommen, die ihre Kinder lieber ins Klassenzimmer tragen würden, als ihnen zuzutrauen, die letzten fünf Meter alleine zu gehen.

Ich dachte immer, wir wollen Kinder stark machen. Selbstständig. Mutig. Sicher in sich. Heute wurde ich eines Besseren belehrt. Offenbar ist das neue Erziehungsziel nicht mehr Selbstständigkeit, sondern maximale Beaufsichtigung.

Die eigentliche Frage ist nicht, was die Kinder dabei lernen. Die Frage ist, was bei den Erwachsenen schiefläuft. Warum fällt es so schwer, loszulassen. Ist es die Angst vor dem Älterwerden der Kinder. Die Panik davor, nicht mehr gebraucht zu werden. Oder ist es dieser stille, unbequeme Gedanke. Wenn mein Kind selbstständig wird, verliere ich ein Stück Kontrolle.

Ich erzähle dir etwas aus meiner eigenen Kindheit. Ich war sechs Jahre alt. Meine kleine Schwester kam mit einer schwachen Lunge zur Welt, und meine Mutter musste deswegen drei Wochen lang mit ihr im Spital in Luzern bleiben. Mein Vater arbeitete Vollzeit, also musste ich das Mittagessen kochen. 

Es gab drei Regeln: 

Wir kommen pünktlich zur Schule. 
Wir öffnen niemandem die Tür. 
Und um zwölf Uhr steht ein warmes Essen auf dem Tisch.

Und genau so habe ich es auch eingehalten. Ich konnte zu diesem Zeitpunkt noch kein Drei Gänge Menü zaubern, aber ich hatte ein solides Händchen für Spiegelei und Rösti. Nach einer Woche hatte mein Vater genug davon und nahm mich am Donnerstag ins Restaurant mit. Für mich war das ein Fest. Mein Vater ging mit mir aus. Ich fühlte mich wie eine Prinzessin. Ich wusste nicht, dass er einfach nur Abwechslung brauchte.

Ja, ich höre sie schon. Die empörten Stimmen. Was für Eltern! Wie verantwortungslos! Wie gefährlich! Aber weisst du was, as hat mir kein bisschen geschadet.

Mach das mal heute.
Sag einer Mutter, mein Kind ist mit sechs alleine zuhause, dann hast du am nächsten Tag die KESB bei dir zu Besuch.

Ich sage nicht, dass du dein Kind komplett alleine lassen musst, aber es würde schon viel bringen, wenn es die wenigen hundert Meter zum Kindergarten alleine laufen muss.

Es wird nicht entführt!
Es wird nicht überfahren!
Es wird nicht vom Leben verschluckt! 

Was es aber lernt, ist unbezahlbar. 

Ich kann das. 
Ich komme alleine an. 
Ich bin nicht hilflos.

Vielleicht ist genau das das eigentliche Problem. Nicht, dass Kinder uns brauchen. Sondern dass manche Erwachsene es nicht aushalten, nicht mehr unentbehrlich zu sein.

Also hier meine unpopuläre Empfehlung: Such dir ein Hobby. Geh einen Kaffee trinken. Atme durch. Und lass dein Kind gehen. 

Nicht weil es dir egal ist. Sondern weil du ihm zutraust, sein eigenes Leben zu meistern.

Gwen 

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