Wir lügen uns seit Jahrtausenden an und nennen es Beziehung
Hand aufs Herz. Was ist schlimmer als ein Betrug?
Vielleicht die erbärmliche Ausrede dafür.
Denn als wäre es nicht schon demütigend genug, herauszufinden, dass der Mensch, dem man vertraut, mit jemand anderem im Bett gelandet ist, bekommt man hinterher auch noch eine Erklärung serviert, bei der man sich ernsthaft fragen muss, ob der andere einen zusätzlich für vollkommen bescheuert hält.
«Ich war betrunken.»
Ach so. Natürlich. Alkohol übernimmt schliesslich nicht nur die Kontrolle über unseren Körper, sondern zieht uns auch noch eigenständig die Hose aus und navigiert uns zielsicher ins nächste fremde Bett. Faszinierend, was die Wissenschaft da bisher übersehen hat.
Und damit wären wir bereits bei einer der grössten menschlichen Errungenschaften: der Fähigkeit, für den eigenen Mist grundsätzlich jemanden oder etwas anderes verantwortlich zu machen.
Aber vielleicht beginnt das ganze Theater schon viel früher.
Vielleicht betrügen wir uns nämlich selbst, lange bevor wir überhaupt auf die Idee kommen, jemand anderen zu betrügen.
Wir behaupten, glücklich zu sein, obwohl wir längst nur noch nebeneinander funktionieren. Wir nennen es Liebe, obwohl wir manchmal hauptsächlich aus Gewohnheit zusammenbleiben. Wir reden von Vertrauen und kontrollieren heimlich das Handy. Wir wünschen uns Leidenschaft, trauen uns aber nicht einmal, dem eigenen Partner zu sagen, was uns im Bett fehlt.
Und wehe, jemand spricht das offen aus.
Dann wird es unangenehm.
Dabei müsste man gerade in einer Beziehung über die Dinge sprechen können, die man sonst niemandem erzählt. Über Wünsche, Fantasien, Enttäuschungen, sexuelle Langeweile und darüber, dass sich Gefühle verändern können.
Aber nein. Lieber schweigen wir. Schliesslich könnte Ehrlichkeit Konsequenzen haben.
Wir wollen die Sicherheit einer Beziehung, aber nicht immer die Verantwortung, die dazugehört.
Wir möchten jemanden, der abends auf uns wartet, der uns kennt und unsere Macken erträgt. Gleichzeitig möchten manche das aufregende Gefühl, von jemand Neuem begehrt zu werden. Dieses Kribbeln, die Aufmerksamkeit, den Sex ohne Alltag und Verpflichtungen.
Kurz gesagt: eine Beziehung zu Hause und einen guten Fick anderswo.
Nur sollte der eigene Partner davon möglichst nichts erfahren.
Wie grosszügig.
Und wenn es doch auffliegt?
«Ich wollte mich wieder spüren.»
Wie schön. Andere gehen joggen, buchen einen Wellnessurlaub oder entdecken ein neues Hobby. Aber natürlich kann man die eigene Selbstfindung auch gleich im Bett eines anderen Menschen durchführen. Besonders praktisch, wenn der eigene Partner währenddessen zu Hause sitzt und von dieser wundervollen Persönlichkeitsentwicklung nichts ahnt.
Genau solche Meisterwerke menschlicher Selbsttäuschung servieren Roli und ich euch in unserer neuen Podcastfolge. Eine absurder als die andere. Und glaubt mir, der menschliche Erfindungsreichtum kennt offenbar keine Grenzen, sobald es darum geht, den eigenen Hintern zu retten.
Aber bei aller Lächerlichkeit dieser Ausreden stellt sich eine viel unangenehmere Frage.
Warum sind wir eigentlich so verdammt schlecht darin, ehrlich miteinander zu sein?
Und bevor jetzt jemand behauptet, Untreue passiere ausschliesslich in unglücklichen Beziehungen: Unsinn.
Es gibt Menschen, die ihre Partner lieben und trotzdem betrügen. Nicht unbedingt, weil ihnen etwas fehlt, sondern weil sie mehr wollen. Mehr Aufmerksamkeit, mehr Bestätigung, mehr Abenteuer. Manche wollen einfach wissen, ob sie noch begehrenswert sind. Andere nehmen mit, was sich ihnen bietet.
Manchmal fehlt in einer Beziehung überhaupt nichts Entscheidendes.
Ausser vielleicht dem Charakter desjenigen, der fremdgeht.
Und dann gibt es noch diejenigen, die längst spüren, dass etwas nicht stimmt, aber Angst davor haben, genauer hinzuschauen.
Nicht unbedingt, weil sie die Wahrheit nicht wissen wollen. Sondern weil sie ahnen, was diese Wahrheit zerstören könnte. Das gemeinsame Zuhause, die Familie, die finanzielle Sicherheit oder schlicht die Vorstellung, mit dem richtigen Menschen zusammen zu sein.
Und manchmal ist es eben leichter, sich selbst zu belügen, als das eigene Leben auf den Kopf zu stellen.
Ist das Liebe? Angst? Bequemlichkeit? Oder einfach menschlich?
Wahrscheinlich von allem etwas.
Und trotzdem frage ich mich: Wie kann es sein, dass wir über nahezu alles öffentlich sprechen, aber in unseren eigenen Schlafzimmern manchmal nicht einmal den Mund aufbekommen?
Wir diskutieren über Sexualität, Selbstbestimmung und moderne Beziehungsmodelle. Wir können uns mit wenigen Klicks einen Menschen fürs Bett suchen. Aber dem Menschen, mit dem wir unser Leben teilen, ehrlich zu sagen, dass wir unzufrieden sind, scheint für manche eine unüberwindbare Herausforderung zu sein.
Dabei wäre die Wahrheit manchmal erstaunlich einfach. Vielleicht braucht es mehr Nähe, mehr Freiraum oder wieder richtig guten Sex. Vielleicht passt die Beziehung tatsächlich nicht mehr. Dann muss man das aussprechen, auch wenn es unangenehm wird.
Stattdessen machen manche lieber weiter, bis der Betrug auffliegt.
Und dann wird aus dem untreuen Partner plötzlich ein begnadeter Geschichtenerzähler.
«Ich dachte, wir hätten eine Pause.»
Eine Pause? Interessant. Besonders wenn der andere davon überhaupt nichts wusste. Offenbar gibt es mittlerweile Beziehungen mit unsichtbaren Kündigungsfristen, bei denen nur eine Partei über die Vertragsbedingungen informiert wird.
Oder noch besser:
«Du hast mir keine Aufmerksamkeit geschenkt.»
Und damit wäre die Schuldfrage natürlich auch schon geklärt. Nicht der Mensch, der sich bewusst für einen Seitensprung entschieden hat, trägt die Verantwortung. Nein, der Partner hat versagt. Hätte er öfter zugehört, Blumen gekauft oder bewundernd genickt, während der Müll rausgetragen wird, wäre das alles selbstverständlich niemals passiert.
Wie beruhigend. Andere Paare führen ein klärendes Gespräch. Hier wird die Beschwerde offenbar direkt im fremden Bett eingereicht.
Natürlich können hinter einem Betrug echte Probleme stecken. Fehlende Nähe, unerfüllte Bedürfnisse oder jahrelange Enttäuschungen. Aber Probleme erklären höchstens, warum eine Beziehung schwierig geworden ist. Sie nehmen niemandem die Verantwortung für seine Entscheidungen ab.
Wer unglücklich ist, darf das sagen. Wer etwas vermisst, darf es ansprechen. Und wer nicht mehr bleiben möchte, darf gehen.
Was man nicht verlangen kann, ist die Treue des anderen, während man sich selbst sämtliche Freiheiten herausnimmt.
Aber offenbar ist ein ehrliches Gespräch für manche Menschen bedrohlicher als die Vorstellung, irgendwann mit heruntergelassener Hose erwischt zu werden.
Und das ist doch eigentlich das wirklich Erschreckende.
Wir schicken Menschen auf den Mond und kommunizieren mit dem halben Planeten gleichzeitig. Aber wenn es darum geht, dem eigenen Partner die Wahrheit zu sagen, verhalten wir uns teilweise wie Kinder, die mit schokoladenverschmiertem Mund behaupten, sie hätten den Kuchen nicht angerührt.
Herzlichen Glückwunsch zur erfolgreichen Evolution.
Seit Jahrtausenden betrügen Menschen ihre Partner, und seit Jahrtausenden scheinen sie sich dafür die dümmsten Erklärungen auszudenken. Nur die Sache mit der Ehrlichkeit scheint noch immer eine unüberwindbare Herausforderung zu sein.
Roli und ich haben uns deshalb für unsere neue Podcastfolge die absurdesten Ausreden für einen Seitensprung vorgenommen. Manche sind dreist, andere unfassbar dämlich und einige so bescheuert, dass wir uns ernsthaft fragen, wie jemand glauben kann, damit durchzukommen.
Und ja, wir lachen darüber. Nicht über die Menschen, die betrogen wurden, sondern über diejenigen, die offenbar glauben, dass sich menschliche Intelligenz beim Fremdgehen automatisch verabschiedet.
Vielleicht erkennt ihr die eine oder andere Ausrede wieder. Vielleicht habt ihr sie sogar schon selbst zu hören bekommen.
Und falls ihr gerade überlegt, welche Ausrede ihr im Ernstfall verwenden würdet, haben Roli und ich noch einen kleinen Tipp:
Versucht es doch zur Abwechslung einmal mit der Wahrheit.


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