Ich bin gleich fertig. Und andere Lügen, die jede Familie überlebt

Es gibt Sätze, die gehören in Familien nicht zur Kommunikation. Sie gehören zur Folklore.

Ganz vorne dabei:

Ich bin gleich fertig.

Ein Satz, der in der Theorie Hoffnung macht. In der Praxis bedeutet er alles. Nur nicht, dass jemand gleich fertig ist.

„Ich bin gleich fertig“ kann bedeuten: Ich habe noch nicht angefangen.
Es kann bedeuten: Ich stehe noch im Bad und diskutiere innerlich mit meiner Frisur.
Es kann bedeuten: Ich suche noch die Hose, die ich vor drei Tagen irgendwo hingelegt habe.
Es kann aber auch bedeuten: Frag nicht weiter, sonst dauert es aus Prinzip noch länger.

Und das Schöne ist: Jede Familie kennt diesen Satz. Jede. Wirklich jede.

Niemand sagt ihn, weil er böse ist. Niemand sagt ihn, weil er die Familie zerstören will. Meistens sagt man ihn, weil man selbst noch an die eigene Version der Realität glaubt. Man meint es ernst. In diesem einen kurzen, absurden Moment glaubt man tatsächlich, dass man gleich fertig ist.

Und dann passiert das Leben.

Noch schnell Zähne putzen. Noch schnell das Handy suchen. Noch schnell die Jacke wechseln. Noch schnell prüfen, ob der Herd aus ist. Noch schnell die Tasche packen. Noch schnell den Kindern sagen, dass sie jetzt wirklich Schuhe anziehen sollen. Noch schnell feststellen, dass ein Kind nur einen Schuh findet. Noch schnell innerlich sterben.

Familienalltag besteht zu einem erstaunlich grossen Teil aus kleinen Lügen, die niemand als Lügen bezeichnen würde, weil sonst der ganze Laden sofort zusammenbrechen würde.

„Ich komme sofort.“
Nein. Kommst du nicht.

„Nur noch fünf Minuten.“
Das ist keine Zeitangabe. Das ist ein Wunsch.

„Ich habe es gleich.“
Du hast gar nichts.

„Wir fahren pünktlich los.“
Ein wunderschöner Satz. Fast schon Poesie. Leider frei erfunden.

„Ich habe alles eingepackt.“
Natürlich. Ausser das eine Ding, wegen dem wir später umdrehen müssen.

Und trotzdem sind diese kleinen Familienlügen nicht nur nervig. Sie sind auch irgendwie liebevoll. Weil sie zeigen, wie sehr wir alle versuchen, den Alltag irgendwie im Griff zu behalten, obwohl der Alltag meistens sehr andere Pläne hat.

Man steht da, halb angezogen, mit einer Tasche über der Schulter, einem Kind im Flur, einem Partner irgendwo zwischen Bad und Nervenzusammenbruch, und denkt sich: Wie kann es sein, dass wir jeden Tag seit Jahren leben und trotzdem jeden Morgen überrascht sind, dass wir das Haus verlassen müssen?

Das ist Familie.

Nicht perfekt. Nicht ruhig. Nicht immer elegant. Aber echt.

Womöglich ist genau das der Punkt. Familie funktioniert nicht, weil alle immer organisiert, pünktlich und tiefenentspannt sind. Familie funktioniert, weil man trotz allem irgendwann loskommt. Vielleicht zu spät. Vielleicht genervt. Vielleicht mit falschen Socken. Aber man kommt los.

Und später lacht man darüber.

Manchmal erst sehr viel später.

In der neuen Folge der Liebeskiste sprechen Roli und ich genau über diese kleinen Familienlügen, die in jedem Haushalt herumschleichen. Über „ich komme sofort“, „nur noch fünf Minuten“ und natürlich über den König aller Ausreden: „Ich bin gleich fertig.“ Also über Sätze, die harmlos klingen, aber ganze Tagespläne zerstören können.

Genau solche Momente verdienen eine eigene Folge. Nicht ernsthaft mit Klemmbrett und Familienrat, sondern so, wie Familie meistens wirklich ist. Laut, chaotisch, leicht überfordert und irgendwo zwischen Lachen und Wahnsinn.

Die Folge findest du hier:
Gleich Fertig ;-) 

Denn am Ende ist Familie genau das: Einer ruft, dass wir losmüssen. Einer behauptet, gleich fertig zu sein. Einer sucht etwas, das angeblich eben noch genau da lag. Und mindestens einer steht im Flur und fragt sich, warum er nicht einfach allein lebt.

Aber dann geht die Tür doch irgendwann zu.

Meistens.

Irgendwie.

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