Wenn du gehst, wird es still in mir
Heute ist wieder so einer dieser Tage, an denen ich dich so sehr vermisse, dass ich am liebsten heulen würde.
Nicht, weil etwas passiert ist. Nicht, weil du kalt zu mir wärst. Nicht, weil zwischen uns etwas kaputt wäre. Im Gegenteil.
Ich weiss, dass du bald Feierabend hast. Ich weiss, dass du so schnell wie möglich nach Hause kommen willst. Ich weiss, dass du mich liebst.
Und trotzdem sitzt da dieses komische Gefühl in mir.
Ich würde fast sagen, es ist Angst.
Keine laute Angst. Keine, die schreit. Eher eine, die sich leise neben mich setzt, während ich am Computer sitze, schreibe, nach Stellen suche, versuche, den Verlag voranzubringen und irgendwie so zu tun, als hätte ich alles im Griff.
Dabei habe ich heute gar nichts im Griff.
Ich will dir schreiben. Lasse es wieder sein. Nehme das Handy in die Hand, lege es weg, nehme es wieder hoch. Es ist absurd, denn du bist nicht weg. Du bist nur arbeiten. Ein ganz normaler Tag. Ein ganz normales Leben.
Und trotzdem fühlt es sich an, als wäre mit dir auch ein Teil von mir aus dem Haus gegangen.
Irgendwann schreibe ich dann doch.
„Amo?“
Deine Antwort kommt schnell.
„Jo?“
Und weil ich nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen will, schreibe ich zuerst etwas völlig Belangloses.
„Ich habe den Dünger gekauft, den du mir heute per WhatsApp geschickt hast.“
Dann kommt eine Nachricht von dir. Dann wieder eine von mir. Und erst dann traue ich mich, das zu schreiben, was eigentlich die ganze Zeit in mir sitzt.
„Ich vermisse dich.“
Keine fünf Sekunden später schreibst du zurück, dass du mich auch vermisst.
Und trotzdem reicht es mir nicht. Nicht, weil deine Antwort zu wenig wäre. Sondern weil mein Gefühl heute zu gross ist.
Also schreibe ich, dass ich dich mehr vermisse.
Du schreibst zurück, dass du mich auch sehr vermisst.
Und für einen Moment ist es besser.
Nur kurz.
Ich schicke dir ein Kussmiley.
Du siehst es.
Dann kommt nichts mehr.
Und mein Kopf weiss sofort, dass du arbeitest. Dass du keine Zeit hast. Dass das völlig normal ist. Dass es keinen Grund gibt, irgendetwas daraus zu machen.
Mein Herz ist weniger vernünftig.
Mein Herz sitzt da wie ein trotziges Kind und flüstert: Schreib doch noch einmal. Frag doch, ob alles gut ist. Sag doch noch etwas. Hol dir doch noch ein kleines Stück Sicherheit.
Aber ich lasse es.
Weil ich dich nicht erdrücken will. Weil ich weiss, dass du nichts falsch machst. Weil ich weiss, dass dieses Gefühl gerade aus mir kommt und nicht aus dir.
Und trotzdem ist es da.
Dieses Vermissen macht mich langsam kaputt.
Vielleicht liegt es daran, dass ich im Moment zu viel allein bin mit meinem Kopf. Zu viele Stunden am Computer. Zu viele Gedanken. Zu viel Druck. Eine Stelle finden. Den Verlag pushen. Schreiben. Funktionieren. Hoffen, dass endlich etwas greift. Hoffen, dass ich nicht scheitere. Hoffen, dass ich irgendwann sagen kann: Siehst du, es hat sich gelohnt.
Aber heute fühlt sich nichts nach Lohn an.
Heute fühlt sich alles nach Last an.
Ich will mir keine Depression einreden. Wirklich nicht. Ich will nicht dramatisieren, was vielleicht einfach ein schlechter Tag ist. Aber manchmal fühlt es sich verdammt ähnlich an.
Wie ein grauer Schleier.
Wie ein inneres Ausgehen.
Wie ein Morgen, der schon müde ist, bevor er angefangen hat.
Und dann gehst du aus dem Haus.
Als würdest du morgens, sobald du das Haus verlässt, meine Seele mitnehmen. Und abends, wenn du wiederkommst, meine Lebensfreude zurückbringen.
Ich weiss, wie schwer das klingt. Vielleicht sogar ungesund. Vielleicht ist es das an manchen Tagen auch. Aber es ist ehrlich.
Und vielleicht gibt es da draussen Menschen, die genau dieses Gefühl kennen.
Dieses Vermissen, obwohl alles gut ist.
Diese Angst, obwohl kein Anlass besteht.
Diese Sehnsucht, die nicht romantisch wirkt, sondern fast körperlich weh tut.
Jedes Mal, wenn ich mit dir darüber spreche, sagst du mir, ich soll doch etwas machen, das mir Freude macht. Schreiben. Bloggen. Irgendetwas, das mich wieder zu mir bringt. Und ja, du hast recht. Natürlich hast du recht.
Ich brauche auch einen Job. Ich brauche Struktur. Ich brauche Sicherheit. Aber ich darf mich nicht jeden Tag so unter Druck setzen, dass am Ende nur noch Angst übrig bleibt.
Dafür liebe ich dich.
Weil du mich nicht klein machst, wenn ich schwach bin. Weil du nicht genervt reagierst, wenn ich wieder einmal zu viel fühle. Weil du mich daran erinnerst, dass mein Leben nicht nur aus Müssen besteht.
Und gleichzeitig tut es mir leid.
Weil ich auch mal böse mit dir bin, obwohl du es nicht verdient hast. Weil ich manchmal meine eigene Überforderung an dir auslasse. Weil du dann der Mensch bist, der am nächsten steht und deshalb am meisten abbekommt.
Das ist nicht richtig. Aber es ist menschlich.
Vielleicht ist genau das die seltsame Grausamkeit der Liebe. Sie macht uns nicht nur weich. Sie macht uns auch verletzlich. Sie zeigt uns, wie viel uns jemand bedeutet. Und genau dadurch zeigt sie uns auch, wie gross die Angst wäre, diesen Menschen zu verlieren.
Selbst dann, wenn gar nichts danach aussieht.
Vielleicht ist Liebe manchmal nicht nur Herzklopfen, Nähe und Zuhause.
Vielleicht ist Liebe manchmal auch die panische Erkenntnis, dass ein Mensch so wichtig geworden ist, dass seine Abwesenheit sich nicht mehr wie Abwesenheit anfühlt, sondern wie ein Loch im eigenen Brustkorb.
Und dann muss man lernen, dieses Loch nicht dem anderen in die Hände zu drücken.
Man muss lernen, wieder selbst darin Licht zu machen.
Nicht, weil der andere nicht genug wäre. Sondern weil kein Mensch allein unser ganzes Innenleben tragen kann.
Ich liebe dich.
Aber ich muss auch wieder lernen, mich selbst auszuhalten, wenn du nicht da bist.
Und vielleicht beginnt genau dort die ehrlichste Form von Liebe.
Nicht dort, wo man sich braucht, um nicht unterzugehen.
Sondern dort, wo man sich liebt, ohne den anderen zur Rettungsleine zu machen.

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